LILIANE TOMASKO: LES SONGES DE LA TRAME

Sainte-Marie de La Tourette, Couvent de La Tourette, 760, route de La Tourette, 69210 Éveux 16 September - 18 November 2026 
Sainte-Marie de La Tourette, Couvent de La Tourette, 760, route de La Tourette, 69210 Éveux kuratiert von Marjolaine Lévy https://www.couventdelatourette.fr/

Mit „Les songes de la trame“ verwandelt Liliane Tomasko das Couvent Sainte-Marie de La Tourette, Le Corbusiers letztes Werk in Frankreich, das zwischen 1953 und 1960 fertiggestellt wurde, in einen Raum des Dialogs zwischen Architektur, Abstraktion und innerer Reflexion. Die Ausstellung bietet einen Streifzug durch das Werk der Künstlerin und vereint rund dreissig Gemälde und Arbeiten auf Papier, die zwischen 2023 und 2026 entstanden sind, alle vereint in einem Raum, in dem modernistische Strenge, die Orthogonalität der Linien und die scheinbare Nüchternheit des Betons stets durch akribische Detailtreue gemildert werden.
Während man sich durch den Raum bewegt, zeichnen die an den Wänden entlang verlaufenden Leitungen in den Grundfarben der Moderne – Blau, Gelb, Rot und Grün – lineare Abstraktionen im Raum. Vertikale Öffnungen unterbrechen die Innenräume, und der Eingang wird umrahmt von organisch anmutenden Steinen. All diese Details und subtilen Andeutungen der Materie lassen, „ein anderes Leben in den Falten“ der Architektur entstehen (um es mit den Worten von Henri Michaux zu sagen).

Genau in diesen Unterbrechungen entfaltet sich der Dialog mit Liliane Tomaskos Malerei. Auf den ersten Blick ziehen die Leinwände der Schweizer Malerin durch ihre abstrakte Kraft die Aufmerksamkeit auf sich; sie sind monumental und schimmernd, durchzogen von gestischer Energie und intensiven Farben. Doch ihre Malerei erscheint nicht als inhaltlosle Oberflächlichkeit,  sondern entspringt einem inneren Impuls. Sie entsteht aus der aufmerksamen Beobachtung alltäglicher Fragmente, wie etwa die Falten von Textilien, Vorhängen, zerknitterten Stoffen und Details. So laden Liliane Tomaskos Gemälde im Kontext des Klosters dazu ein, den Blick zu erweitern: nicht mehr nur die frontale Ansicht, sondern auch der Anblick in Ecken, Nischen und Schwellen wird immanent.

Die Ausstellung ist als eine Reise konzipiert, in deren Mittelpunkt die Zahl Drei steht – in Anlehnung an die Dreifaltigkeit und die spirituelle Bestimmung des Ortes. Mehrere Ensembles vereinen jeweils drei Gemälde oder ein Vielfaches von drei und bilden so Konstellationen, in denen die Werke wie Variationen, Erscheinungen oder aufeinanderfolgende Visionen miteinander in Dialog treten. Gleichsam dem Gefühl, etwas bereits erlebt zu haben, ohne zu wissen, ob dieses einem Traum oder einer vagen Erinnerung entspringt. Diese ternäre Struktur ist jedoch nicht bloss ein formales Prinzip; sie lässt uns die Malerei als Übergang, als Meditation, als langsames Überqueren vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erleben. In Liliane Tomaskos Werk wird das Motiv niemals auf einmal offenbart. Es taucht auf, zieht sich zurück, verwandelt sich. Die Falten eines Stoffes, das Gewand der von ihr fotografierten Mönche und die stillen Fragmente des häuslichen Lebens werden zu Ausgangspunkten für eine lebendige Abstraktion, in der die Realität verschoben wird.
In dieser Hinsicht steht Liliane Tomaskos Werk in tiefer Resonanz mit dem Geist des Couvent de La Tourette. In diesem Gebäude, das für das Gemeinschaftsleben, das Gebet, das Studium und die Einkehr konzipiert wurde, wird das konkreteste Material zum Mittel der spirituellen Erhebung. Die Malerei entzieht sich ebenso wenig wie die Architektur der Welt; vielmehr verstärkt sie deren verborgene Eigenschaften. Wie der amerikanische Kunstkritiker Joseph Masheck in „The Carpet Paradigm“ schreibt: „Kunst hat spirituellen Wert, nicht weil sie dazu dienen kann, der … Realität zu entfliehen, sondern weil sie, indem sie nur einen kleinen Teil der Welt verdrängt, die Welt als Ganzes einbeziehen kann. Die Malerei ist ein Schmuck des Lebens, weil sie – wie im besten Fall in den ‚angewandten‘ oder dekorativen Künsten selbst – Eigenschaften vergrössert, die bereits im materiellen Leben und in der Welt vorhanden sind.“
„Les songes de la trame“ bietet somit sowohl eine Interpretation des Werks von Liliane Tomasko als auch eine Neuinterpretation des Raums, in dem es ausgestellt wird. In der Spannung zwischen kaltem Rationalismus und der Sinnlichkeit der malerischen Geste, zwischen Monumentalität und Detail, zwischen Abstraktion und materieller Erinnerung ermahnt uns diese Ausstellung, dass das Geistige nicht ausserhalb der Welt zu finden ist, sondern in ihrer tiefsten Tiefe – in den Falten, den Spuren, den Texturen, den wiederholten Gesten und den bescheidenen Fragmenten, denen die Künstlerin neues Leben einhaucht.